Leinenlos- die große Gefahr?

Seit kurzem hat Kärnten ein neues Gesetz: Hunde müssen immer und überall an der Leine geführt werden. Ausnahmen gibt es nur für Jagdhunde und Hunde im Einsatz. Ich stehe dieser Entwicklung äußerst skeptisch gegenüber. Natürlich müssen Wildtiere geschützt werden und Hunde abrufbar sein, ein Gesetz wie dieses halte ich jedoch für einen Schuss ins Knie. War doch diese Idee schon vor Jahrzehnten mal im Gespräch und wurde damals verworfen, Damals  wiesen namhafte Experten darauf hin, dass eine dauerhafte Leinenpflicht tierschutzwidrig wäre und nicht artgerecht.

 

 

Temple Grandin beschreibt in ihrem Buch „Animals Make Us Human: Creating the Best Life for Animals“, dass viele Verhaltensprobleme bei Hunden daraus entstehen, dass sie in einer modernen, „unnatürlichen“ Lebensweise gehalten werden und viele für sie wichtige Dinge wie geistige Beschäftigung, Möglichkeiten zur Ausübung natürlicher Verhaltensweisen und ausreichende Sozialisierung nicht mehr ausreichend möglich sein.  Hunde brauchen Aktivitäten, die ihre grundlegenden Emotionssysteme aktivieren – vor allem das sogenannte „Seeking“-System (Such- und Entdeckungsdrang). Hunde sind außerdem Bewegungstiere, sich frei bewegen zu dürfen und zu können ist ein elementares Bedürfnis der Spezies Hund.

 

Das moderne Leben bedeutet für Hunde oft eine Art sensorische Unterforderung und umgekehrt eine Überforderung mit angstmachenden Reizen. Sie bekommen zwar körperliche Bewegung  in Form von Spaziergängen, aber ihr instinktives Bedürfnis zu erkunden, zu schnüffeln, zu suchen und Probleme zu lösen (Seeking-System) bleibt dabei oft unerfüllt. Jeder Bereich ihres Alltags wird von uns Menschen kontrolliert: angefangen von wann sie sich wo lösen können bis hin zu was sie fressen, wieviel davon, wann und wo u.v.m.

Wenn Hunde Instinkte wie Umherstreifen, intensives Schnüffeln oder Graben nicht ausleben können, können daraus Verhaltensstörungen entstehen.

Grandin nutzt ein Beispiel: Ein Gerbil (Rennmaus) muss eine Höhle bauen, um sich sicher zu fühlen – es reicht nicht, einfach nur ständig zu graben. Tiere brauchen also nicht nur die Bewegung, sondern auch das Ergebnis ihres natürlichen Verhaltens. Eine sinnhafte Beschäftigung, etwas das Bedeutung hat. Sie wollen stromern, erkunden, entdecken. Gemeinsam mit uns.

 

2014 gab es die Studie „Salivary cortisol and behavior in therapy dogs during animal‑assisted interventions: A pilot study“. Es wurde untersucht, ob ausgebildete Therapiebegleithunde während Einsätzen stressbelastet sind. Ein spannender Nebenbefund war dieses Ergebnis:

 

Hunde, die ohne Leine arbeiteten, zeigten tendenziell niedrigere Kortisolwerte und wirkten entspannter als angeleinte Hunde. Das spricht dafür, dass Bewegungsfreiheit und Selbstbestimmung wichtige Faktoren für das Wohlbefinden von (Therapiebegleit)Hunden sein können. Die Annahme, dass dies auch für viele Situationen im Alltag zutreffen könnte, liegt nahe.

 

Ich frage mich: wann haben wir begonnen, unseren Partner Hund als potentielle Gefahr zu betrachten? Wann haben wir aufgehört, Hunde zu verstehen und warum ist es uns oft so schwer möglich, entspannt anderen Wesen zu begegnen? Apropos begegnen: es hat einen guten Grund warum gerade die freie Begegnung in der tiergestützten Arbeit als besonders nachhaltig gilt und wir genau jene eigentlich immer anstreben. Genau diese freie Begegnung wird im Alltag mit Hunden immer seltener möglich. Als Gesellschaft geht uns damit enorm viel verloren. 

 

 

 

 

 

 

Wir sind Mitglied der IAHAIO – internationaler Dachverband für TGI, anerkannt für höchste Qualität, Ethik und Tierwohl in der tiergestützten Arbeit.


Kontakt

Andrea Wiesner

Kaiser Konstantingasse 11

2405  Bad Deutsch Altenburg

Tel.: 0650 480 78 29

 

Kleinunternehmer gem. § 6 Abs. 1 Z 27 UStG

Kontoverbindung: Akademie Tiergestützt: AT 22 2021 6217 5679 9901



Newsletter: