Ist gut meinen auch gut machen?

"In einem Land vor unserer Zeit"... so fangen viele Geschichten an, doch diese beginnt nicht in der Vergangenheit, sondern hier und jetzt in Deutschland. Es ist eine Geschichte von gut gemeinten Absichten, die tragisch schiefgelaufen sind, und von Schafen, die unter grausamer Vernachlässigung litten. Es handelt von zwei Frauen, die vorgaben, Gutes tun zu wollen, aber letztendlich das Gegenteil bewirkten.

Alles begann mit einer Nachricht an meine Freundin Jasmin. Sie erfuhr von einem behinderten weiblichen Schaf, das nach einer schweren Geburt hilflos da lag, aber ansonsten gesund und munter war. Die vorherigen Besitzer konnten sich aufgrund einer Schwangerschaft nicht mehr um das Tier kümmern. Die Frauen, die das Schaf zuvor betreuten, wurden als herzensgute Künstlerinnen beschrieben, die sich für Tiere einsetzten.

Alles wurde organisiert, Transporter adaptiert, es handelte sich um keine kleine Wegstrecke. 

Doch dann kamen weitere Informationen ans Licht: Es gab noch eine Schwester des Schafes und einen unkastrierten Bock. Den könne man aber unmöglich abgeben da man die Strecke vom Hundezwinger, in dem er allein lebte, bis zum Hänger nicht geführt werden könne - ab hier wird die Geschichte zunehmend unglaublich und unschön.

Bilder vom Bock im trostlosen Kerker in Einzelhaft ließen Böses ahnen. Und die Vorahnungen sollten getoppt werden durch eine Realität, die an Grausamkeit eigentlich kaum zu übertreffen ist.

 

Die 3 Überlebenden einer wahnwitzigen Haltung erreichten Jasmin. Die behinderte Aue ausgezehrt, nur mehr Haut und Knochen, nicht fähig den Kopf anzuheben, wundgelegen. Die Klauen waren bei keinem der Tiere in den letzten Jahren geschnitten worden. Entwurmt hatte man ganz "natürlich" da man einen Wurmbefall ausgeschlossen hatte, wurde freilich auch nie ein Kotbefund gemacht. Nach der Geburt war nie ein Tierarzt zu Rate gezogen worden, keine Diagnostik erfolgt. Das behinderte Schaf war einfach nicht mehr aufgestanden und man habe es dann halt gepflegt, besser gesagt, am Leben erhalten. Denn Pflege ist etwas ganz ganz anderes. Sie hatten Durchfall. Eine Tierärztin vor Ort riet Jasmin dazu Anzeige zu erstatten: wegen schwerer Misshandlung von Tieren. Die behinderte Aue hatte eine Lungenentzündung mit im Gepäck. Sie war so hungrig, dass sie so gierig fraß, dass sie sich anfangs oft verschluckte. Und den Leckstein inhalierte sie fast. Jasmin wollte eigentlich nur noch, dass dieses Tier ein paar schöne Tage haben durfte. Einmal noch Gras unter den Klauen spüren, einmal noch Sonne am Rücken, einmal noch was immer sie ein letztes Mal tun wollte...doch Alma will mehr. Alma will leben.

 

Auf all diese Missstände angesprochen blockten die Damen ab. Sie hatten keine Lungenentzündung bemerkt und das Tier habe genug zu fressen bekommen....zumindest alle 2 Tage hatte man Futter gebracht. Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben.

Wie kann etwas, das gut gemeint begann, zu einer der schlimmsten Formen von Tierquälerei führen? Wie können Menschen so wenig Ahnung von den Bedürfnissen ihrer Tiere haben?

Die Geschichte der geretteten Schafe verdeutlicht die Notwendigkeit, sich mit den Verhaltensweisen und Bedürfnissen von Tieren auseinanderzusetzen. Jede Tierart hat ihre eigenen Eigenheiten und individuellen Bedürfnisse. Um Tiere artgerecht und liebevoll zu halten, müssen wir lernen, ihre Bedürfnisse zu verstehen und angemessen auf ihre Signale zu reagieren.

Jede Tierspezies ist ihre eigenes Universum und jedes Individuum in diesem Universum nochmal eine eigene Welt. Wenn wir den Tieren, mit denen wir leben, wirklich gerecht werden wollen, kommen wir nicht drum rum uns mit Verhaltensweisen und Bedürfnissen auseinander zu setzen. Menschliche Interpretation und Fehleinschätzungen können schlimme Folgen für Tiere haben, vor allem wenn Grundbedürfnisse nicht erkannt werden. Um Tiere zu verstehen und so zu halten wie es wirklich gut für sie ist, müssen wir uns ein paar Gedanken zu ihrer Biologie machen.

Ein grundlegendes Konzept der Verhaltensbiologie sind die Funktionskreise, die verschiedene Aspekte des Verhaltens eines Tieres umfassen:

 

Sozialverhalten: Wie verhält sich das Tier anderen Artgenossen gegenüber?

Nahrungsaufnahmeverhalten: Wie beschafft sich das Tier seine Nahrung?

Ruheverhalten: Wie viel Ruhe benötigt das Tier und wann?

Ausscheidungsverhalten: Wie setzt das Tier Kot und Urin ab?

Fortbewegungsverhalten: Wie bewegt sich die Tierart fort?

Körperpflegeverhalten: Wie putzt sich das Tier und andere?

Erkundungsverhalten: Wie erkundet die Tierart eine neue Umgebung und neue Materialien?

Mutter-Kind Verhalten: Wie verhält sich das Tier gegenüber seinen Jungen?

Spielverhalten: Wie spielt das Tier?

Komfortverhalten: Wie zeigt das Tier, dass es sich wohl fühlt?

 

Indem wir uns mit diesen Funktionskreisen auseinandersetzen und das Verhalten unserer Tiere beobachten und verstehen, können wir sie besser unterstützen und ihnen ein artgerechtes Leben ermöglichen.

Die Geschichte der geretteten Schafe zeigt, dass es nicht ausreicht, Tiere einfach auf ein Grundstück zu stellen und zu hoffen, dass alles gut wird. Hätten sich die Besitzerinnen mit dem Wesen ihrer Schafe auseinandergesetzt, wäre es ihnen niemals in den Sinn gekommen den Bock einzeln zu halten, die Tiere nicht mehr auf die Weiden hinaus zu lassen und stattdessen Gras zu pflücken. Sie hätten niemals die Schwestern getrennt, hätten sie sich schlau darüber gemacht welch innigen Beziehungen Mütter zu Töchtern und Schwestern zueinander pflegen. 

 

Jede Tierart und jedes Individuum hat spezifische Bedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen. Wenn wir uns die Zeit und Mühe nehmen, uns mit den Bedürfnissen unserer tierischen Mitbewohner auseinanderzusetzen und angemessen auf sie einzugehen, können wir ein harmonisches Zusammenleben ermöglichen.

Es liegt in unserer Verantwortung, uns weiterzubilden und Tierhaltung nicht als selbstverständlich anzusehen. Nur so können wir sicherstellen, dass unsere Tiere ein glückliches und erfülltes Leben führen – frei von Leid und Vernachlässigung. 

 

Arik, der Bock, ist schwer traumatisiert worden durch die Isolation. Er ist schnell überfordert, er kennt nichts. Kein Gras, keine Schafsprache, keine Artgenossen, nichts was selbstverständlich sein sollte. Es wird lange dauern bis er ein annähernd normales Leben führen wird können, falls es ihm überhaupt gelingt.

Alma kann endlich wieder mit ihrer Zwillingsschwester kuscheln, die beiden bedeuten einander sehr viel und mit ihr an der Seite und viel physiotherapeutischer Unterstützung wird es vielleicht gelingen, sie wieder auf die Beine zu bringen. All dies hätte so leicht verhindert werden können, hätte man es statt es gut zu meinen, einfach gut gemacht. 

 

 

 

 

 

 


Kontakt

Andrea Wiesner

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