Von Schafen und Hunden

Ich halte Schafe aus mehreren Gründen: zum ersten weil ich sie liebe. Weil ich sie in der tiergestützten Arbeit mit großem Erfolg einsetze ist der zweite. Wer Schafe hält und kennen lernen will braucht Geduld. Schafe sind anders, pflegen die Bauern hier zu sagen, die Schafe halten. Was immer sie damit meinen mögen, anders sind Schafe tatsächlich.

Anders als von vielen erwartet. Anders als dumm. Anders als immer nur unschuldig und harmlos. Es sind launige Wesen,  sanft mit einer Prise ordentlichem Eigensinn. Sie wissen genau was sie wollen und was sie ganz sicher nicht mögen, können enorm selbstbewusst sein so ferne man die Entwicklung des schafeigenen Selbstvertrauens nicht untergraben hat und mitunter neigen sie zu Größenwahn. Wenn sie mit den Hunden als Backup im Rücken ortsfremde Hunde vertreiben wollen zum Beispiel.

Schafe  können jede Regung in ihre Richtung schon spüren bevor wir überhaupt wissen, dass sie statt fand. Deshalb sind sie so unglaublich gute Helfer in der tiergestützten Therapie- nur lesen muss man sie können und achtsam sein und vielfach wirklich mit dem Herzen sehen und die Augen dabei offen halten. Als ich aus den Augenwinkeln ein Missempfinden im Gesicht des Therapiemädchens wahr nahm hatte Annelie das längst bemerkt und schnupperte das Gesicht des Kindes ab. Nachfragend. Mir versichernd, dass ich richtig lag.

 

Man tut gut daran absichtslos in die Begegnung mit ihnen zu gehen. Jedes Vorhaben boykottieren sie gerne mit Überraschungsaktionen jeglicher Art. 

In der Literatur findet man wenig zu ihrer Körpersprache, ihrer Mimik, ihrem Ausdrucksverhalten. Hobbyhalter tun sich schwer Informationen anderer Natur zu finden als die zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit. Schafe halten ist wie eine Reise ins Ungewisse. Und oft ist man überrascht wie anders sie sind.

 

Schafe sind keine Engel. Wenn sie schwächere oder kranke Herdenmitglieder aus der Herde ausschließen ist das nicht schön für uns anzusehen und schwer auszuhalten. Aber das ist ihre Biologie und dient dem Schutz der Herde. Aber auch hier können sie lernen, dass unsere Regeln anders sind und schwächere kranke Herdenmitglieder mit getragen werden. 

Als wir unser Schaf Annelie einige Wochen in Krankheit und letztlich bis zu ihrem letzten Tag begleiteten, haben sie mir gezeigt mit wieviel Einfühlungsvermögen sie auch diesen Weg mit uns gehen.

Schafe können Freunde beschützen, was mir Klara sehr eindrucksvoll zeigte als sie und ihre kleine Schwester Heidi in unsere kleine Herde integriert wurden. Sie können fast liebevoll köpfeln oder auch hinterrücks Schlafende aus dem Dösen boxen. Sie sind frech, sie sind neugierig, sie sind klug.

 

Unsere ersten 3 Neuankömmlinge machten aus einer Schafgemeinschaft eine Herde und führten neue "Wörter" ein, wie das Vorderbein hochwerfen als Warnung wenn man etwas für sich alleine haben möchte zum Beispiel. Das hatte ich zuvor nie beobachtet und plötzlich lief alles friedlicher und besser als zuvor.

Hochinteressant wie aus der mit ihren Führungsaufgaben überforderten Chefin Bauxy die Assistenz der neuen Chefin Fabienne wurde. Und das deshalb weil Fabienne einfach die Jungen unter ihre Fittiche nahm, ihnen alles zeigte und so an Wichtigkeit gewann.

Schafe sind anders als geglaubt. Oft viel mehr als beschrieben. Man kann in ihren Augen erfahren wie es ihnen geht, an ihrem Seufzen erkennen, dass sie etwas stresst, man kann an ihrem Ohrenspiel die Launen des Tages erkennen und an ihrer Schreckhaftigkeit die Ankunft der lästigen Fliegen ablesen. Fabienne`s Lippenspiel wenn sie Lust auf Tricksen hat ist unverkennbar und auch ihr Abwenden wenn es ihr genug wird. "Keinen Bock auf etwas zu haben" ist das Ende der Fahnenstange. Schafe lassen sich zu nichts zwingen und sind auch nicht übermotiviert Dinge zu tun. Aber sie haben Spaß am Lernen und ihre hohe Sozialität macht sie zu erstaunlich anpassungsfähigen Begleitern.

 

Unsere Schafe haben gelernt, dass unsere Hunde sie begleiten und beschützen. Wenn ich den Hunden pfeife haben sie üblicherweise die Schafe im Schlepptau. Laufen die Hunde an den Zaun um vorüber gehende Passanten zu warnen sind die Schafe als Backup sofort zur Stelle- und umgekehrt.

 

Die Stunden mit den Schafen gehören für uns alle zu den schönsten des Tages. Wir  finden dort zu unserer Mitte, sind entspannt und können die Natur mit den Tieren geniessen. Diese durchwegs positive Grundstimmung wenn wir im Gras sitzen umringt von Hunden und Schafen hat sich als tiefes beglückendes Gemeinschaftsgefühl bei jedem von uns eingeprägt. Man kann auch sagen, wir sind alle positiv konditioniert auf "Schafanwesenheit".  Ein sehr beeindruckendes Erlebnis hat mir das Gewicht dieses Erlebens sehr deutlich vor Augen geführt:

Alice unsere Hündin hat großen Stress mit Paragleitern die regelmäßig um den Hundetrainingsplatz kreisen, so dass ein Training mit ihr an diesem Ort einfach nicht mehr möglich war. Selbst wenn niemand am Himmel flog starrte sie unentwegt in die Höhe. Bis zu dem Tag an dem die Schafe zum Beweiden auf einen Teil der Trainingswiese kamen. Alice konnte die gesamte Zeit in der die Schafe dort waren (ca. 6 Wochen) ihre Übungen machen und es war als hätte sie "vergessen" dass es die Flieger überhaupt gäbe. Das ist umso erstaunlicher als einer dieser Paragleiter unvermittelt bei einem Spaziergang neben uns im Gebüsch gelandet war - allerdings am Heimatort der Schafe- und sie dermassen stresste, dass sie zum Auto lief und sich darunter verkroch- etwas das nie zuvor passiert war. Und dennoch wurde dieses eine wirklich traumatische Erlebnis nicht mit dem Ort an dem sie so viele gute Erlebnisse und Tage mit den Schafen hatte verknüpft sondern verstärkte ihre Angst in Bezug auf die Trainingswiese- ausser die Schafe befanden sich dort. Waren die Schafe aber wieder fort, war auch Alice Angst unverändert wieder da.

 

Schafe wirken beruhigend auf uns alle. Sie signalisieren uns "kein Feind in Sicht" wenn sie grasen und wiederkäuen und ihren Schafgeschäften nachgehen. Vielleicht ist das eines ihrer Geheimnisse als "Hundetherapeuten". Tatsächlich habe ich in vielen Trainings beobachten können, dass auch Hunde ihre Anwesenheit als beruhigend erlebten- soferne sie nicht jagdlich motiviert waren.

 

Synchrones Verhalten ist etwas das auch in der Bindungstheorie gerne als Zeichen einer guten Verbindung beschrieben wird. Es ist eines der beeindruckendsten Dinge, Hunde und Schafe im Gleichklang zu erleben, quasi mit Wolf und Lamm zusammen unterwegs zu sein. Manches Mal in fast kitschiger Harmonie die  Glücksmomente auskostend.

Eine spannende ungewöhnliche Reise wo nicht nur die Schafe "anders" sind.


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Andrea Wiesner

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