Der wird einmal ein Therapiehund- oder nicht?

Eine Freundin und Hundetrainerin hat  mir unlängst von einer Kollegin erzählt. Einer Psychologin, die ihren Hund in die Justizanstalt mitnimmt und plant ihn zum Therapiebegleithund ausbilden zu lassen. Ein knapp einjähriger Rüde einer Hüterasse begleitet sie dreimal die Woche an ihre Arbeitsstelle. Er ist geräuschempfindlich was für Hütehunde nichts ungewöhnliches ist. In der Justizanstalt ist es laut. Metalltüren und Schlüssel sind permanente Geräuschkulisse. Der Hund ist in dauerhafter Anspannung. Die junge Psychologin möchte ihn so gerne mit zur Arbeit nehmen. Aber der Hund zuckt bei jedem lauten Geräusch zusammen...

"Der wird einmal ein Therapiehund"- ist  eine häufige Aussage in fast jedem Welpenkurs. Man hört sie von Menschen aus sozialen Berufen, die gerne ihre Vierbeiner an den Arbeitsplatz mitnehmen möchten genauso oft wie von Menschen, die einfach gerne „Gutes tun“ möchten. Ich habe mich oft gefragt, warum  möchte jemand das so sehr? So sehr, dass die Trainer gefragt werden, ob eine Ausbildung auch möglich wäre, wenn der Hund chronische (und ersichtliche) Schmerzen habe? So sehr, dass man  Meideverhalten in der Begegnung mit fremden Menschen ausblenden möchte und einfach übersieht was der Hund klar und deutlich kommuniziert. So sehr, dass man die Signale des eigenen Hundes ignoriert. Warum tut man das seinem Hund an?

 

Es gibt einen weisen Spruch: Gut meinen ist nicht gleich gut machen – der gilt auch hier. Die Arbeit als Therapiebegleithund ist eben genau das: Arbeit. Optimalerweise macht diese Arbeit dem Hund Spaß, dennoch ist sie anstrengend und auch fordernd. Zu der gewünschten Wesensfestigkeit und Stressresistenz der geeigneten Hunde kommen viele unterschätzte Anforderungen in der tiergestützten Arbeit hinzu, mal ganz abgesehen von Lärm, Gedränge, ungewöhnlichen Geräuschen und Gerüchen.

 

Wir mögen Hunde (auch) so gerne, weil sie uns so gut lesen und verstehen können, weil sie leiseste Regungen noch vor uns wahrnehmen, weil sie unsere Stimmungen erkennen. Stimmungsübertragung ist ein nicht zu unterschätzender Aspekt in der Hundehaltung, aber daraus resultieren auch viele Probleme. Ein Hund der mit Menschen arbeitet und sozial kompetent agiert, wird jede Regung „seiner“ Klienten wahrnehmen. Deshalb sind Hunde so gute Co Therapeuten, weil wir anhand ihrer Reaktionen vieles besser erkennen können. Deshalb sind aber auch Auszeiten, artgerechte Entlastung und die Einhaltung von Rahmenbedingungen in der tiergestützten Arbeit so unglaublich wichtig.

 2 bis 3 Einsätze pro Woche, maximal 8 Einsätze pro Monat mit je 45  Minuten sind die Rahmenbedingungen für den sozialen Einsatz von Therapiebegleithunden in Österreich. Ein Rückzugsort vorausgesetzt, den der Hund jederzeit für sich in Anspruch nehmen kann – das sieht auf den ersten Blick nach wenig "Arbeitszeit" aus. Doch was tut Hund da eigentlich?

Streicheln lassen, gefüttert werden, Tricks zeigen, gebürstet werden, Sachen erschnüffeln, einfach nur da sein – zugegebenermaßen klingt der Anforderungskatalog nicht sonderlich anstrengend. Fehlanzeige! Auch wenn Hund menschliche Zuneigung genießt, was er auch unbedingt sollte als Co Therapeut im tiergestützten Setting, macht es einen großen Unterschied ob er all das in der Freizeit oder im Arbeitsmodus tut.

 

Hunde im Einsatz sind ganz bei der Sache, aufmerksam, hellhörig, hellfühlig. Ihnen entgeht nichts. Auch wenn sie entspannt liegen und gestreichelt oder gebürstet werden, sind sie mit ihrer Aufmerksamkeit ganz beim Klienten. Das ist der große Unterschied zu den Entspannungsmomenten am Sofa zu Hause.

 

Ein „Therapiehund“ fürs eigene Kind?

Hier wird es schwierig. Das Anforderungsprofil ist noch viel höher je nach Anspruch der Eltern. Der Hund soll dem Kind ein guter Freund, Gesellschafter sein, ihm Empathie und soziale Rücksichtnahme lehren, er soll hyperaktive Kinder stiller und ruhige Kinder offener machen… die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Hunde (und Tiere) tun Kindern gut und es steht außer Frage, dass eine Kindheit mit einem Vierbeiner an der Seite viele Vorteile hat.

Doch in diesem Setting läuft man Gefahr den Hund mit überzogenen Erwartungen in die Familie aufzunehmen. Hier gibt es keine Auszeiten mehr, sondern familiendynamische Strukturen mit denen der Hund auf seine individuelle Art zurechtkommen muss. Hunde sind damit vielfach überfordert und können diese an sie gestellten Erwartungen einfach nicht erfüllen. Letztlich sind die vielen Unfälle zwischen Kind und Hund in den eigenen vier Wänden ein Indiz für überzogene Erwartungen und falschen, grenzüberschreitenden Umgang mit dem Partner Hund.

 

Ich stelle Menschen in meinen Kursen oft die Frage, wie sie sich einen guten Mitarbeiter vorstellen würden. Verlässlich, engagiert, hat Spaß an der Arbeit, bringt sich ein – sind häufig genannte Attribute. Auch unsere Vierbeiner sollten Spaß am gemeinsamen tiergestützten Einsatz haben, denn nur so erfüllt tiergestützte Arbeit ihren Sinn und wird zur Win Win Situation für alle. "Und wie stellt ihr euch ideale Eltern vor? " Ist meine zweite Frage. Angenommen werden wie man ist, ein Anker in allen Lebenslagen, da sein wenn man sie braucht, unterstützen und fördern ohne falsche Erwartungen- genau so sollten wir auch für unsere Hunde da sein. 

 

Zurück zu meinem Anfangsbeispiel. Der Hund der jungen Psychologin hat in einem stressigen Moment einen Mitarbeiter gestellt, hat ihn angesprungen und verbellt. Ein zweites Mal war es ein Häftling. Die Signale des Hundes werden deutlicher, lauter. Es ist unsere Aufgabe als Begleiter unserer Tiere, ihre Zeichen zu lesen, zu hören, zu verstehen und zu beantworten. Wir können uns keine guten Kollegen erwarten wenn wir nicht in erster Linie unsere Tiere als das Wesen begreifen das sie sind. Und ihnen die Zeit geben sich zu entwickeln. In welche Richtung das auch sein mag. Vielleicht wird er einmal ein Therapiehund. Aber wenn nicht ist es auch ok!

 

Zusammenfassend ist es wichtig zu bedenken, dass die Arbeit als Therapiebegleithund eine anspruchsvolle Tätigkeit ist, die hohe Anforderungen an den Hund stellt. Dabei muss nicht nur das Wesen des Hundes, sondern auch seine körperliche Gesundheit berücksichtigt werden. Hunde, die in diesem Bereich arbeiten, müssen je nach Einsatzgebiet auch in der Lage sein, mit schwierigen Situationen umzugehen, wie z.B. mit einem sterbenden Klienten oder einem depressiven Menschen. Dafür benötigt es soziale Reife beim Hund, die erst mit frühestens zwei Jahren erreicht wird. Es ist überaus wichtig, dass die Hunde nicht überfordert werden und ihre Arbeit in einem angemessenen Rahmen statt findet. Der  Beziehung zwischen Hund und Mensch kommt dabei besondere Bedeutung zu, denn sie ist die Basis für ein Team im tiergestützten Setting.

Letztendlich ist es wichtig, das Wohl des Hundes nicht aus den Augen zu verlieren und die eigenen Beweggründe für tiergestützte Arbeit zu reflektieren.


Kontakt

Andrea Wiesner

Kaiser Konstantingasse 11

2405 

Bad Deutsch Altenburg

Tel.: 0650 480 78 29

 

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